Orang-Utans Die unbekannten Menschenaffen © NDR Naturfilm Zorillafilm
10. Dez 25

Mit Orang-Utans auf Augenhöhe

Über Mutterliebe, Affen-Kosmetik und Sex in hohen Wipfeln

Filmemacher Jens Westphalen hat mit dem Film „Orang-Utans – Die unbekannten Menschenaffen“ die Orang-Utan-Dame Sati und ihre Tochter Huyan durch die Baumkronen Borneos begleitet und nie gesehene Szenen mitgebracht.

Jens Westphalen und Thoralf Grospitz sind ein weitgereistes und vielfach preisgekröntes Kamera- und Regieduo aus Hamburg. Sie haben Biologe studiert, arbeiten seit 1993 als freie Kameramänner und Regisseure für Tierfilme und haben die Produktionsfirma Zorilla film gegründet.

Ihr erster Dreh für den Orang-Utan-Film startete bereits 2019 im indonesischen Teil von Borneo. Dann kam Covid dazwischen, erst 2024 ging es weiter, allerdings in Sabah, im malaysischen Teil, weil dort die Drehbedingungen besser waren.

Insgesamt filmten Westphalen und Grospitz 180 Tage vor Ort, es folgten 40 Schnitttage im Hamburger Studio mit ihrem Cutter-Kollegen Klaus Müller.

„Orang-Utans – Die unbekannten Menschenaffen“ ist eine Co-Produktion von NDR Doclights, dem österreichischen Sender ORF (Redaktion Universum) und arte.

Der Film gewann beim NaturVision Filmfestival Ludwigsburg 2025 den Deutschen Filmpreis Biodiversität und viele weitere renommierte Preise.

Im Gespräch mit Katja Trippel von RiffReporter gibt Jens Westphalen Einblicke in seine Arbeit an diesem beeindruckenden Filmprojekt:

Orang-Utans Die unbekannten Menschenaffen – Thoralf Grospitz & Jens Westphalen © NDR Naturfilm Zorillafilm



Jens, mit deinem Co-Regisseur Thoralf Grospitz erzählst du die bewegende Mutter-Tochter-Geschichte von Sati und ihrer 18 Monate alten Tochter Huyan. Die beiden leben im Regenwald Borneos und klettern munter auf bis zu 80 Meter hohen Bäumen herum. Wie seid ihr ihnen so nahe gekommen?

Sati ist ein wilder Borneo-Orang-Utan – in Freiheit geboren und aufgewachsen, genau wie die kleine Huyan. Doch beide sind auch an Menschen gewohnt, denn sie leben in einer besiedelten Gegend in der Nähe von Sepilok, einem Auffangzentrum für verwaiste Orang-Utans in der Region Sabah. Wir konnten sie so gut filmen, weil sie regelmäßig in tiefere Regenwald-Etagen und sogar bis zum Boden runterkraxelten – das machen nicht alle Orang-Utans. Unten habe ich sie mit dem Teleobjektiv gefilmt, in die Höhe der Wipfel folgte Thoralf ihnen mit einer Kameradrohne.

Ihr seid buchstäblich auf Augenhöhe mit den beiden. Dabei sieht man, wie liebevoll Sati mit Huyan umgeht.

Absolut, die beiden kuscheln ständig, und wenn die Kleine allein klettern geht, hat ihre Mutter sie immer im Blick. Huyan wiederum beobachtet stets ganz genau, was ihre Mutter macht: Wie sie sich festhält oder von Baum zu Baum schwingt, welche Früchte sie pflückt, wie sie jeden Abend das gemeinsame Schlafnest aus Blättern und Zweigen baut und dass man von Baumschlangen besser Abstand hält.

Sati schiebt ihrem Baby gern vorgekaute Früchte von Mund zu Mund – ist das eine Art Liebesbeweis?

Manche Anthropologen vermuten sogar, das sei der Ursprung des Küssens – es sieht auch wirklich so aus. Überhaupt finde ich, dass Orang-Utans sehr menschlich rüberkommen, auch wenn man mit vermenschlichten Begrifflichkeiten vorsichtig sein sollte. Aber bei den Nahaufnahmen habe ich immer den Eindruck, ich gucke in die Augen sehr naher Verwandter.

Was die Mutter-Kind-Beziehung angeht, scheinen sie uns ja auch ziemlich ähnlich.

Wie wir haben Orang-Utans nur wenig Nachwuchs, und die Mütter kümmern sich so verantwortungsvoll, dass sie unter allen Affenarten die geringste Kindersterblichkeit haben. Wir Menschen haben ihre gute Überlebensquote bei Kleinkindern erst im 20. Jahrhundert erreicht.

Wie lange bleiben sie zusammen?

Etwa acht Jahre, auch das ist eine fast menschenähnlich lange Lernphase.

Wurden die Affen durch eure Anwesenheit und die Drohne nicht gestört?

Sati hat die Drohne am Anfang interessiert angeschaut und dann überhaupt nicht weiter beachtet. Ein junges Männchen hat mal versucht, nach ihr zu greifen, wohl aus Neugierde. Ansonsten hatten wir und auch unsere lokalen Begleiter den Eindruck, dass die Affen völlig entspannt waren. Andernfalls hätten wir so nicht weitergefilmt. Tiere zu stressen ist ein absolutes „No-go“ im seriösen Naturfilm.

Und bringt auch selten guten Bilder.

Ich sage mal salopp: Man will ja keine fliehenden Ärsche zeigen.

Es klingt, als hattet ihr einen vergleichsweise einfachen Dreh!

Die Affen waren tatsächlich unerwartet easy, aber für uns war’s trotzdem sauanstrengend. Während Sati und Huyan sich wie Trapezkünstlerinnen von Baum zu Baum schwangen, mussten wir ihnen am Boden hinterherrennen, mit dem ganzen Kamera-Equipment. Und dann finde im Regenwald mal ein Plätzchen, wo dir nicht ein Busch oder Ast die Sicht versperrt! Wir waren dauernd klitschnass vom Schweiß – oder vom Regen.

Orang-Utans Die unbekannten Menschenaffen © NDR Naturfilm Zorillafilm



Und wie habt ihr die Drohne durch das dichte Blätterdach gesteuert?

Mit Teamwork. Thoralf hat immer nur auf seinen Drohnen-Monitor geguckt, und ich habe durchs Fernglas nach oben geschaut und ihn durch den Wald gelotst: „Weiter hoch, jetzt nach links, Achtung Ast“ – und so weiter. Wir haben keine einzige Drohne gecrasht!

Ihr habt auch Szenen eingefangen, die sogar Expert:innen überrascht haben.

Gleich mehrere. Einmal kam Sati runter auf den Boden und fing an, erst mit einem Stein und dann mit einem Stock den Boden aufzuwühlen. Dann rieb sie sich die Erde ins Gesicht, immer wieder, als wäre es Affen-Kosmetik. Sie nützte also Werkzeuge für einen bestimmten Zweck. Doch welcher Art der war, ist ein Rätsel geblieben.

Wir filmten auch, wie ein anderes Weibchen begann, sich aus Zweigen einen Regenschutz zu bauen, lange, bevor es anfing zu regnen. Sie war in der Lage, das Wetter zu lesen, und handelte vorausschauend. Ein klarer Beleg für ihre Intelligenz.

Oder war sie nur wasserscheu? Ihr zeigt ja auch andere Orang-Utans, die den täglichen Regenguss stoisch über sich ergehen ließen.

Vielleicht haben diese Tiere von ihren Müttern nie gelernt, wie man sich einen Regenschirm baut? Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht. Niemand weiß es.

Einzigartig sind auch die Aufnahmen von den Zwillingen.

Wir haben als erste überhaupt eine Orang-Utan-Mutter mit etwa 5-jährigen Zwillingen entdeckt und gefilmt. Das war mehrfaches Glück. Denn schon Zwillingsgeburten sind selten, und nur wenige Müttern schaffen es, zwei Babies gleichzeitig zu säugen und mit sich rumzutragen. Dieser ist es offenbar gelungen.

Sie ließ sich sogar auf ein Techtelmechtel mit einem jungen Männchen ein – in schwindelnder Höhe…

… und mit den Zwillingen auf der Schulter! Normalerweise sind Orang-Utan-Weibchen nicht interessiert an einer Paarung, solange sie ihre Kinder bei sich haben. Aber soweit ich das beurteilen kann, schien diese nicht abgeneigt. Das Männchen, das ihr nachgestiegen ist, war jedenfalls nicht sehr dominant.

Orang-Utans Die unbekannten Menschenaffen ©NDR Naturfilm Zorillafilm



Eine andere Paarungs-Szene dagegen wirkt sehr brutal, wie eine Vergewaltigung.

Dieses Männchen war ein anderes Kaliber, sehr groß und dominant. Aber auch da bin ich lieber vorsichtig mit der Begrifflichkeit. Die aktuelle wissenschaftlichen Literatur sagt: Instinkt und Lust beziehungsweise Unlust sind schwer zu trennen. Wir haben überlegt, ob wir die Szene überhaupt zeigen, uns dann aber dafür entschieden, ohne sie klar zu interpretieren, weil solche Bilder eben auch zur Realität gehören.

Wie auch die Palmöl-Plantagen…

… die sich gnadenlos in den Lebensraum der Orang-Utans fressen – und nicht nur sie, sondern auch viele andere Tierarten wie Zwergelefnten und nicht zuletzt Einheimische bedrohen. Palmöl ist ein riesiger Exportschlager auf Borneo und hat sich, weil es so billig ist, laut WWF in fast jedes zweite Supermarkt-Produkt geschlichen, von Seife bis Salatsauce. Da ist es unsere Verantwortung als Konsument:innen zu sagen: Stopp, das wollen wir nicht! Unser Film ist insofern auch ein Appell, die Regenwälder Borneos besser zu schützen.

Was hat dich bei Sati und Huyan am meisten beeindruckt?

Wie elegant und geschickt Sati sich durch den Wald bewegt, von Liane zu Liane schwingt, mit ihrem Baby auf dem Rücken, und genau erkennt, hält der Zweig oder nicht? Orang-Utans haben offenbar eine 3D-Sicht, wählen immer den kürzesten Weg zu den Futterbäumen, verirren sich nie, wissen genau, in welcher Saison wo welche Früchte zu finden sind. Und stürzen nie ab. So lange dünne Arme – aber so eine Kraft!

 
Katja Trippel ist Wissenschaftsjournalistin mit Schwerpunkt Umwelt und Natur. Sie schreibt Sachbücher und bei riffreporter.de die Reihe „Natur: Ganz großes Kino“. Außerdem leitet sie das Programm beim Innsbruck Nature Film Festival. Ursprünglich hat sie Geografie studiert und viele Jahre für GEO als Text- und TV-Redakteurin gearbeitet.
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