Eine Geschichte von Vernachlässigung, Widerstand und Klimagerechtigkeit
Kohle für Europa – Durst für die Wayuu
Gastartikel von Carmela Daza
La Guajira: angestammtes Land, umkämpftes Territorium
Seit ich in Europa lebe, erreichen mich die Nachrichten aus Kolumbien anders. Dringlicher. Tiefer. Ich glaube, das passiert vielen Migrant*innen: Die Entfernung schärft das Gehör. Im Jahr 2020 weckten Berichte über die humanitäre Krise in La Guajira in mir den Wunsch, eine Region zu besuchen, die schon lange in meiner Erinnerung lebte, die ich aber nie selbst gesehen hatte. Das Land meines Vaters. Das Land meiner Großeltern. Die Halbinsel La Guajira im äußersten Norden Kolumbiens wird vom Karibischen Meer umspült. Dort treffen sich tropischer Trockenwald, wüstenartige Landschaften und eine ganz besondere Artenvielfalt: Zugvögel, Tiere und Bäume, die selbst extreme Dürren überstehen können. Und natürlich leben dort die Wayuu, das größte indigene Volk Kolumbiens, sie machen die Hälfte der Bevölkerung der Region aus. Obwohl meine Familie nicht indigener Herkunft ist, stand das Haus meiner Großeltern (seit Jahren verlassen) in einem Gebiet, das stark von der Weltanschauung und der Präsenz der Wayuu geprägt ist. La Guajira ist ein Land wie aus dem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez: politischer Stillstand, Hitze, Isolation und Magie leben neben-einander, ohne sich zu widersprechen. Seit der Kolonialzeit war La Guajira schwer zu kontrollieren. Das ermöglichte es den Wayuu, ihre Sprache, ihre Clans und ihre kulturellen Traditionen zu bewahren. Auch nach der Unabhängigkeit hinderte die Grenze zu Venezuela sie nicht daran, weiterhin Handel zu treiben und ihre Verbindungen zu pflegen. Erst war es Schmuggel von Grundnahrungsmitteln, dann brachte der Marihuana-Boom der 1980er Jahre Gewalt und Korruption in die Region. Damals hörte mein Vater auf, dorthin zu reisen. Ich wuchs weit weg auf und lernte diesen Teil meiner Geschichte nur aus seinen Erzählungen. In dieser Zeit begann auch der Kohleabbau in La Guajira – mit Konzessionen an ausländische Unternehmen. Niemand ahnte, wie sehr diese Industrie das Leben der Menschen und die Landschaft für immer verändern würde. Flüsse wurden umgeleitet, Quellen versiegten, Dürren nahmen zu. Ein extraktives Modell setzte sich durch und bedroht bis heute das Leben tausender Familien.
Zwischen Wasserkrise und Widerstand: die Weberinnen der Wüste
2020 warnte die Interamerikanische Menschenrechtskommission: Wayuu-Kinder sterben an Durst, nur wenige Kilometer entfernt von einer der profitabelsten Minen Lateinamerikas. Das war der Moment, in dem wir beschlossen: Wir reisen hin, hören zu und dokumentieren. So entstand unser Dokumentarfilm
Territorio Puloui, eine Reise durch eine komplexe, zu-gleich magische Region. Wir wollten den Stimmen der Wayuu Raum geben, ihre Perspektive verstehen und erfahren, wie sie der Krise begegnen. Dabei tauchten in unseren Gesprächen auch ihre Glaubensvorstellungen auf, und wir entschieden, diese Kosmovision in animierten Sequenzen sichtbar zu machen: Mythen über die Natur, das Wasser und die spirituelle Be-ziehung zur Welt. Puloui ist die Göttin des Wassers. Die Wayuu glauben: Wasser gehört niemandem. Es muss respektiert und geschützt werden. Auf unserer Reise begegneten wir Wayuu-Frauen, die ihre Gemeinden mit stiller Stärke führen. Doña Susana, über 105 Jahre alt, erzählte uns von der Zeit, in der sie Wasser vom Fluss auf dem Rücken heimtrug. „Heute gibt es keinen Fluss mehr“, sagte sie, „oder er ist zu weit weg. Wir müssen unsere Webarbeiten verkaufen, um Wasser aus Tankwagen zu kaufen.“ Diese Frauen, Trägerinnen einer reichen Tradition, knüpfen heute ihre Taschen zum Überleben. Zwei Wochen dauert es, bis so eine Tasche fertig ist. Dann müssen sie kilometerweit in die Stadt laufen, um sie zu verkaufen. „Oft legen wir fünf oder sechs Taschen zusammen“, sagt Yorlei, „damit die Transportkosten nicht alles auffressen.“ Die Lehrerin Marta hat es geschafft, dass ihre Schule mit über 200 Kindern heute über eine Entsalzungsanlage verfügt, ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Technologien in den Dienst benachteiligter Gemeinschaften zu stellen. Wie sie sagt: „Wir sind wie Kakteen, wir überleben auch in der Dürre.“ Trotz Kolonialisierung, Ressourcenausbeutung, Diskriminierung und staatlicher Vernachlässigung haben die Wayuu ihre Verbindung zur Natur bewahrt. Und nun kämpfen sie auch gegen den Klimawandel. Studien zeigen: 80 % der weltweiten Biodiversität befinden sich auf indigenem Land. Doch diese Hüter*innen der Erde leben heute oft unter menschenunwürdigen Bedingungen, an vorderster Front eines stillen Krieges. Allein. Unsichtbar. Frauen, die durch die Wüste gehen, mit Hoffnung in der Tasche und leeren Wasserflaschen.
Europa, Verantwortung und eine offene Rechnung
Seit über 40 Jahren wird in der Mine El Cerrejón, heute im Besitz des Schweizer Konzerns Glencore, Kohle im Tagebau gefördert. Die Mine ist so groß wie das gesamte Stadtgebiet von Hamburg. Täglich werden dort über 10 Millionen Liter Wasser verbraucht, während die Wayuu unter Wassermangel und einer humanitären Krise leiden. Doch das Problem ist nicht nur die Mine. Die Bergbauabgaben, die La Guajira zugutekommen sollten, werden zentral vom Staat verwaltet, über das sogenannte
Sistema General de Regalías. So zumindest in der Theorie. In der Praxis ist La Guajira eine der korruptesten Regionen Kolumbiens, wenn es um die Ver-wendung dieser Gelder geht. Reichtum wird entnommen. Wasser verdunstet. Geld versickert. Und die Wayuu brauchen dringend Hilfe. Aber die Zeit läuft. Der aktuelle Konzessionsvertrag endet 2036. Dann wird Glencore eine Region verlassen, die gezeichnet ist von Durst, Mangelernährung und Umweltzerstörung. Europa kann dann nicht mehr sagen: „Wir wussten es nicht.“ Seit 2024 verpflichtet die europäische Richtlinie zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht (
CS-DDD) Unternehmen dazu, Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung in ihren Lieferketten zu identifizieren, zu verhindern, zu mindern und Verantwortung zu übernehmen und Maßnahmen zu ergreifen, wenn Missstände bekannt werden. Seit dem Krieg in der Ukraine importiert Europa mehr Kohle aus La Guajira als je zuvor. Doch diese Kohle bringt nicht nur Energie, sie trägt auch die Stimmen der Wayuu in sich, die das Selbstverständlichste fordern: Gerechtigkeit.
Territorio Puloui gibt diesen Stimmen ein Gesicht: Susana, Adelaida, Yorlei und Marta. Frauen, die aus einer verletzten, aber lebendigen Region heraus für das Wesentliche kämpfen: Wasser und Zukunft.
Carmela Daza wurde in Bogotá, Kolumbien, geboren. Sie ist Kulturmanagerin und hat eine technische Ausbildung in audiovisueller Produktion. Seit 2019 lebt sie in Deutschland, wo sie als audiovisuelle Produzentin bei der Firma b2medien arbeitet.
Sie stellt die Stimmen von Frauen, die in der heutigen Welt gehört werden müssen, in den Mittelpunkt ihrer Arbeit.